Die Predigt bleibt zuhause

von Felix Ritter

Letze Woche wurde ich gefragt, ob ich für das Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur nicht ein paar Video-Tutorials machen könnte, um Gemeinden zu helfen, ihre Andachten und Gottesdienste zu streamen. Nachdem ich erst mal selber nen Virus hatte, den ich nicht testen lassen durfte…, habe ich mir viele Streams und Videos angeschaut und bin Euch extrem dankbar für die guten Worte, das Weitermachen, das Beten und die leuchtenden Augen. 

Beim Machen solcher Videos entstehen Fragen:

Wie rede ich zu und mit der Kamera? Wo schaue ich hin?
Was das spricht Publikum an? Was tröstet, heilt – und was schafft Gemeinschaft? Was darf ich anders machen, wenn ich zu Hause oder im Park predige?

Ein paar dieser Fragen will ich beantworten. Die Videos werden diese Woche produziert und ich freu mich drauf. Wir werden weniger was zu Technik und Schnitt machen, weil das andere besser erklären können. Es soll um Kamerapräsenz, Rhythmus und lösungsorientiertes Sprechen gehen. Vorab gebe ich Euch aber schon ein paar Tipps schriftlich, ähnlich denen, die ich auch im Training für die ZDF-Fernsehgottesdienste verteile.

1. Wenn du mich ansprechen willst, dann schau in die Kamera. Stell dir vor: Die Kamera ist eine gute Freundin, der du gerne was erzählst. Flirte mit der Kamera. (Wir flirten dann dankbar zurück, wenn wir uns wiedersehen, versprochen.)
Mit Flirten meine ich einen interessierten Blick. Sag deiner Zuschauerin mit den Augen: Du bist der Grund, warum ich spreche. Menschen hören gerne zu, wenn sie das Gefühl haben, dass sie geliebt werden.

2. Wenn du betest, dann blick nicht direkt in die Kamera, das verwirrt meistens, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich als Gott angesprochen werde.

3. Verliebe dich nicht in Formulierungen, sondern in Gedanken. Sprich möglichst frei. Schreib dir nur Stichworte auf. Versuche, mit Worten Probleme zu lösen.

4. Sprich nicht so laut wie in der Kirche, sondern nur so 2 Meter weit. Dann entsteht Nähe und du klingst natürlicher. Das passt besser in mein Wohnzimmer.

5. Du kannst doppelt so schnell reden, wie du es in großen Kirchen gewöhnt bist. Probiere mal zu plaudern. Dann sprichst du, wie du denkst, und ich kann mitdenken. Das macht dir selber auch mehr Spaß!

6. Sei nicht ernst. Die Lage ist ernst genug. Ernst hat 2 Seiten. Einerseits heißt ernst, dass ich etwas ernsthaft betreibe, andererseits meint ernst auch nachdenklich. Nachdenklichkeit beim Sprechen führt dazu, dass Botschaften absurd klingen. Sprich mal: Der Herr ist auferstanden nachdenklich. Oder: Von allen Seiten umgibst du mich. Das ist genauso absurd wie die Pausen vor den Verben.  Gott – Pause – liebt uns. Darauf – Pause – können wir uns freuen…

7. Vermeide das Wort wir, wenn du vom Glauben oder von Erfahrungen redest. Wir kennen uns nicht gut genug. Einer ist traurig, hat gerade Angehörige verloren. Eine andere verbringt gerade eine wunderbare Zeit mit ihrer Familie zu Hause, ein Anderer ist einfach nur genervt, weil man unerwartet mit unkontrollierbaren Teenagern eingesperrt wurde. Wir entsteht, wenn ich als Zuhörerhin sage: Ich auch.

8. Die Kamera mag es, wenn du Fehler machst. Probiere nicht perfekt und steif zu sein. Macht dich locker. Schüttel dich. Streck der Kamera vor der Aufnahme die Zunge raus. Halte dich nicht mit beiden Händen an Karten fest.

9. Lass deine Arme los. Erlaube deinen Armen, sich zu bewegen. Halte deine Gesten nicht fest. Halte deine Arme möglichst nicht vor dem Bauch zusammen, es sei denn, du betest und Händefalten ist deine Gebetshaltung. Die Gesten sollten über dem Bauchnabel stattfinden, sonst wirkt das depressiv. Frage dich: Wo ist meine Pizza? (Für Insider)

10. Was würde dich selber trösten? Eine sorgenvolle, betroffene Stimme? Wohl eher nicht. Wie rechtfertigst du, dass ich mir Zeit für dich nehme? Mach mit deinen Worten ein Geschenk.
Mich trösten Lächeln, Humor, schöne Musik, ein naher Gott, Poesie und starke Botschaften. Botschaften, die mich überraschen und aufbrechen lassen. Suche nach Worten, die Lösungen von Problemen sind. Sprich konkret wie z.B.: Wir müssen das alles hier nicht alleine machen – Gott sei Dank.